Das Lehr-Lern-Modell nach Leisen
Viele Fachleitungen empfehlen, Unterricht nach dem Lehr-Lern-Modell von Josef Leisen zu planen. Hier finden Sie das Modell kurz erklärt und für jeden Lernschritt konkrete Ideen, was er für Ihre Planung bedeuten kann.
Die Lernlinie auf einen Blick
Sechs Lernschritte aus Sicht der Lernenden. Tippen Sie auf einen Schritt, um Ideen dafür zu sehen.
- 1. AnkommenProblem entdecken
- 2. VorstellungenVermuten, Vorwissen
- 3. LernproduktMaterial bearbeiten
- 4. VerhandelnProdukte vergleichen
- 5. SichernVernetzen, Lernzuwachs
- 6. TransferAnwenden, üben
Fünf Gedanken, die das Modell tragen
Lernlinie statt Stundenablauf
Sie planen aus Sicht der Lernenden: Welche Schritte gehen sie, vom Ankommen bis zum Anwenden? Eine Lernlinie ist nicht immer eine Stunde, sie kann sich über mehrere Stunden erstrecken.
Das Lernprodukt ist das Herzstück
In der Mitte steht etwas, das die Lernenden herstellen: eine Tabelle, ein Plakat, eine Skizze, ein Text, eine Erkenntnis. Daran arbeiten alle, jede und jeder auf eigene Weise.
Lernende lernen, Lehrende steuern
Ihre Leistung besteht in vier Steuerungen: Aufgabenstellung und Material/Methode bereiten Sie am Schreibtisch vor, Moderation und Rückmeldung geschehen in der Stunde.
Instruktion und Konstruktion im Wechsel
Es braucht dichte Phasen, in denen Sie erklären, und Phasen, in denen die Lernenden selbst arbeiten. Selbstständiges Arbeiten kostet Zeit, planen Sie sie ein.
Diagnose läuft immer mit
Vorher, während und nachher schauen Sie, was die Lernenden können und denken. Danach richten Sie Aufgaben, Moderation und Rückmeldung aus.
Leisen nennt drei Dinge unverzichtbar: ein Lernprodukt erstellen, es verhandeln und das Gelernte sichern und festigen. Die Schritte müssen nicht streng der Reihe nach laufen, es darf Wiederholungen oder Verzweigungen geben.
Ein Angebot, keine Vorgabe. Das Kerncurriculum nennt kein bestimmtes Planungsmodell. Wie Ihre Fachleitung es auslegt und was sie von Ihnen erwartet, klären Sie im Fachseminar. Die Zusammenfassung folgt Leisens eigener Darstellung (Quelle unten), die Ideen und Beispiele sind Anregungen des Kernseminars.
Die sechs Lernschritte 6
Zu jedem Schritt: was geschieht, eine Frage für Ihre Planung, Ideen aus verschiedenen Fächern und ein Stolperstein.
1 Im Lernkontext ankommen und die Problemstellung entdeckenDie Lernenden werden in die Situation hineingeholt und entdecken, worum es geht: Fragestellung, Thema, Aufgabe, Relevanz.
Ihre Planungsfrage
Wodurch merken die Lernenden, worum es geht und warum es sie etwas angeht?
Ideen zum Ausprobieren Anregung
- Mathematik: Ein Alltagsproblem ohne Rechenweg: Zwei Handytarife, welcher ist für mich günstiger?
- Deutsch: Zwei widersprüchliche Überschriften zum selben Ereignis oder ein irritierender Textanfang ohne Titel.
- Naturwissenschaften: Ein Phänomen vorführen, das überrascht: Warum schwimmt das Ei im Salzwasser, aber nicht im Leitungswasser?
- Geschichte, Politik, Kunst: Ein Bild oder Objekt ohne Erklärung: Was fällt auf? Welche Fragen habt ihr?
- Fremdsprachen: Ein kurzer Hörausschnitt aus einer Alltagssituation: Wer spricht, worum geht es?
- Sport: Eine Bewegungsaufgabe, die noch nicht ganz gelingt, etwa ein genaues Zuspiel über eine größere Distanz. Woran liegt es?
- Musik: Einen Rhythmus nachklatschen, der ins Stolpern bringt. Woran liegt es?
Häufiger Stolperstein
Ich schreibe das Thema an die Tafel und sage: „Heute lernen wir …“.
Ich zeige eine Situation, die Fragen aufwirft, und sammle die Fragen der Gruppe. Das Ziel der Stunde mache ich danach transparent, wenn die Frage entdeckt ist.
2 Vorstellungen entwickelnDie Lernenden entwickeln Vermutungen, Deutungen und Bearbeitungsideen und bringen Vorwissen und Erfahrungen ein. Der Wissensstand wird sichtbar und öffentlich.
Ihre Planungsfrage
Wie mache ich sichtbar, was die Lernenden schon denken, wissen und vermuten?
Ideen zum Ausprobieren Anregung
- Alle Fächer: Vermutungen auf Kärtchen schreiben und an die Tafel heften, auch falsche.
- Alle Fächer: Eine Mindmap oder ein Begriffsnetz „Was wir schon wissen“, das später ergänzt wird.
- Naturwissenschaften: Vorhersage aufschreiben, bevor das Experiment läuft, mit Begründung.
- Deutsch, Gesellschaftswissenschaften: Standpunktlinie im Raum: Wo stehe ich zur Frage, und warum?
- Mathematik: Schätzen, bevor gerechnet wird: Was könnte herauskommen?
Häufiger Stolperstein
Ich frage das Vorwissen ab und lasse nur die richtigen Antworten gelten.
Ich halte alle Vorstellungen fest und greife sie in Schritt 5 wieder auf.
3 Lernmaterial bearbeiten und Lernprodukt erstellenDie Lernenden bekommen neue Informationen (Material, Experiment, Input der Lehrkraft) und erstellen in einer passenden Sozialform ein Lernprodukt. Das ist der zentrale Lernschritt: Alles davor führt dorthin, alles danach baut darauf auf.
Ihre Planungsfrage
Was sollen die Lernenden am Ende dieser Phase in der Hand haben? Welche Aufgabe und welches Material führen sicher dorthin?
Ideen zum Ausprobieren Anregung
- Alle Fächer: Eine Vergleichstabelle, eine Mindmap oder ein Flussdiagramm zu einem Text oder Experiment.
- Mathematik: Ein Lösungsweg als Erklärkarte: Welche Schritte, warum in dieser Reihenfolge?
- Deutsch, Sprachen: Ein Argumentationsnetz, ein Dialog, eine Textüberarbeitung mit Randkommentaren.
- Naturwissenschaften: Ein Messprotokoll mit Diagramm und einem Satz zur Auswertung.
- Geschichte, Politik: Ein Zeitstrahl, eine Pro-und-Contra-Tabelle, eine Rollenkarte mit Position.
- Differenzierung: Hilfekarten, Satzanfänge und ein Wahlangebot der Niveaus, sodass alle am selben Produkt arbeiten.
Häufiger Stolperstein
Ich teile ein Arbeitsblatt mit Lückentext aus, das nur abgearbeitet wird.
Die Aufgabe führt zu einem Produkt, das sich bei verschiedenen Gruppen unterscheiden darf.
4 Lernprodukt diskutieren und verhandelnDie Lernenden stellen ihre Lernprodukte vor, vergleichen sie und einigen sich auf einen gemeinsamen Kern. Für die Lehrkraft ist das ein anspruchsvoller Moment, sie moderiert und führt das Gespräch.
Ihre Planungsfrage
Wie vergleichen die Lernenden ihre Produkte, und worauf sollen sie sich am Ende einigen?
Ideen zum Ausprobieren Anregung
- Alle Fächer: Galeriegang: Die Gruppen sehen sich die Produkte der anderen an und markieren, was sie überzeugt.
- Alle Fächer: Vergleichsauftrag an zwei Produkte: Was ist gleich, was unterscheidet sich, was stimmt nicht überein?
- Alle Fächer: Gemeinsamer Kern: Auf einem Plakat steht, worauf sich die Klasse geeinigt hat.
- Moderation: Impulse notieren: „Was sehen alle gleich?“, „Wo widersprechen sich die Produkte?“, „Wer kann das anders erklären?“
Häufiger Stolperstein
Die Gruppen präsentieren nacheinander dasselbe, der Rest schaut weg.
Die Produkte werden verglichen, Unterschiede werden benannt und es wird ein Kern gesichert.
5 Sichern und vernetzenDas Gelernte wird gesichert. Die Lernenden vergleichen mit ihren Vorstellungen aus Schritt 2 und erkennen, was sie dazugelernt haben. Neues Wissen wird mit Bekanntem verbunden.
Ihre Planungsfrage
Woran sehen die Lernenden, was sie dazugelernt haben?
Ideen zum Ausprobieren Anregung
- Alle Fächer: Zurück zu den Vorstellungen aus Schritt 2: „Was habe ich damals gedacht, was denke ich jetzt?“
- Alle Fächer: Einen Merksatz oder drei Sätze zum Kern selbst formulieren lassen, die Lehrkraft schärft nach.
- Alle Fächer: Das Begriffsnetz von Schritt 2 ergänzen oder die Mindmap erweitern.
- Alle Fächer: Eine Heftseite oder ein Lernplakat, das später zum Nachschlagen dient.
Häufiger Stolperstein
Ich diktiere den Merksatz und die Gruppe schreibt ab.
Die Lernenden formulieren selbst und bemerken, was neu ist.
6 Transferieren und festigenDas Gelernte wird in einer neuen Situation angewendet und geübt, damit es verfügbar wird.
Ihre Planungsfrage
Wo können die Lernenden das Gelernte in neuer Lage anwenden?
Ideen zum Ausprobieren Anregung
- Mathematik: Eine Aufgabe in einem anderen Sachzusammenhang mit derselben Struktur, zum Beispiel Stromtarife statt Handytarife.
- Deutsch, Sprachen: Den neuen Aufbau auf einen anderen Text anwenden oder einen eigenen Text schreiben.
- Naturwissenschaften: Eine Alltagsfrage mit dem neuen Konzept erklären, die vorher nicht Thema war.
- Alle Fächer: Übungsaufgaben auf mehreren Niveaus, ein Partnerquiz oder ein kurzer Test ohne Note.
- Hausaufgabe: Siehe die Karte „Hausaufgaben sinnvoll stellen“ im Ideenpool.
Häufiger Stolperstein
Ich gebe ein Übungsblatt mit Aufgaben, die genauso aussehen wie das Beispiel aus der Stunde.
Die Aufgabe hat eine neue Ausgangslage und dieselbe Denkstruktur.
Beispiel-Lernlinien
Drei Beispiele aus verschiedenen Fächern, damit die Schrittfolge anschaulich wird. Es sind eigene Entwürfe zur Anschauung, keine fertigen Stunden.
Mathematik: Lineare Funktionen
Thema: Handytarife
- Ankommen: Zwei Tarife werden vorgestellt, die Frage lautet: Welcher ist für wen günstiger?
- Vorstellungen: Die Lernenden schätzen und notieren ihre Vermutung, ohne zu rechnen.
- Lernprodukt: Sie erstellen für beide Tarife eine Wertetabelle und einen Graphen, in Partnerarbeit auf einem Plakat.
- Verhandeln: Galeriegang: Wo schneiden sich die Graphen? Was sagt das über die Tarife? Die Klasse einigt sich auf den Kern.
- Sichern: Ein Merksatz zu „Wann ist Tarif A günstiger?“ und Vergleich mit der Vermutung vom Anfang.
- Transfer: Stromtarife oder Fitnessstudio-Angebote.
Deutsch: Argumentieren
Thema: Soll es an der Schule ein Handyverbot geben?
- Ankommen: Zwei Positionen aus einer Schulkonferenz als kurzer Text, die Lernenden reagieren spontan.
- Vorstellungen: Standpunktlinie im Raum, Begründungen sammeln.
- Lernprodukt: Aus einem Material-Set (drei kurze Texte) wird ein Argumentationsnetz erstellt, mit Hilfen für Satzanfänge.
- Verhandeln: Die Netze werden verglichen: Welche Argumente tragen, welche sind schwach?
- Sichern: Kriterien für ein gutes Argument werden gemeinsam formuliert, Vergleich mit der ersten Standpunktlinie.
- Transfer: Ein eigener Kommentar zu einem anderen Thema.
Naturwissenschaften: Schwimmen und Sinken
Thema: Warum schwimmt ein Schiff aus Stahl?
- Ankommen: Ein Stück Knetmasse sinkt, als Schale geformt schwimmt es.
- Vorstellungen: Vorhersagen: Was entscheidet, ob etwas schwimmt? Vermutungen auf Kärtchen.
- Lernprodukt: Experimente in Gruppen, ein Protokoll mit Tabelle und Skizze als Lernprodukt.
- Verhandeln: Vergleich der Protokolle: Was haben alle gefunden, was wurde unterschiedlich erklärt?
- Sichern: Kernsatz formulieren und mit den Vermutungen aus Schritt 2 vergleichen.
- Transfer: Warum liegt ein Eisberg zu neun Zehnteln unter Wasser?
Planungsblatt
Eine mögliche Reihenfolge für Ihre Planung: von der Kompetenz zum Lernprodukt, dann zu Aufgabe und Material, zuletzt zur Lernlinie. Sie können mehrere Planungen anlegen. Sie werden auf diesem Gerät gespeichert, mit einem Konto (oben rechts) auch auf Ihren anderen Geräten. Bitte keine Namen von Schülerinnen und Schülern eintragen.
Für Ihre Stunde und die Nachbesprechung
Mit diesen Fragen können Sie Ihre Stunde nach dem Modell prüfen, vor dem Unterrichtsbesuch und danach:
- Kann ich das Lernprodukt der Stunde benennen? Wer stellt es her?
- Wie viel Zeit haben die Lernenden zum eigenen Arbeiten, und wie viel Zeit rede ich?
- Wo habe ich sichtbar gemacht, was die Lernenden vorher dachten, und wo habe ich es am Ende wieder aufgegriffen?
- Welche Impulse habe ich für das Gespräch über die Lernprodukte vorbereitet?
- Woran habe ich den Lernzuwachs gemerkt?
Zur Nachbesprechung → Vor dem Unterrichtsbesuch → Gelingender Unterricht →
Dazu im Kerncurriculum
Quelle der Zusammenfassung: Josef Leisen, „Was Lehrkräfte brauchen – Ein praktikables Lehr-Lern-Modell“ (Stand 02.05.2018), PDF auf josefleisen.de ↗, weitere Texte ↗. Die Schrittbezeichnungen folgen dieser Darstellung. Ideen, Beispiele und Stolpersteine sind eigene Anregungen des Kernseminars und von Josef Leisen nicht geprüft. Bitte lesen Sie für die Umsetzung die Originaltexte und sprechen Sie mit Ihrer Fachleitung.